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Marktrollen in der Energiewirtschaft: Das komplette Glossar

Wer macht eigentlich was im deutschen Strommarkt? Wenn Sie in der Energiewirtschaft arbeiten oder einsteigen wollen, begegnen Ihnen Begriffe wie ÜNB, VNB, BKV, MSB – aber was bedeuten sie konkret? Dieser Artikel erklärt alle wichtigen Marktrollen mit rechtlicher Grundlage, Aufgaben und praktischen Beispielen.


🎯 Warum Marktrollen wichtig sind

Der deutsche Strommarkt ist liberalisiert – das bedeutet:

  • Netz und Vertrieb sind getrennt (Unbundling)
  • Jede Rolle hat klar definierte Aufgaben (gesetzlich geregelt)
  • Ohne diese Strukturen würde der Markt nicht funktionieren

Für wen ist dieser Artikel?

  • ✅ Quereinsteiger in die Energiewirtschaft
  • ✅ Marktkommunikations-Manager
  • ✅ IT-Spezialisten (Schnittstellen, EDIFACT)
  • ✅ Alle, die verstehen wollen, wie der Strommarkt funktioniert

1️⃣ Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB)

🔹 Was macht ein ÜNB?

Der Übertragungsnetzbetreiber betreibt das Höchstspannungsnetz (220–380 kV) und sorgt für Systemsicherheit in seiner Regelzone.

Hauptaufgaben:

  • Netzstabilität: Frequenz bei 50 Hz halten
  • 📊 Bilanzkreisabrechnung: Ausgleichsenergie berechnen (MaBiS)
  • 🔄 Regelenergiebeschaffung: Primär-, Sekundär-, Tertiärregelung
  • 💚 EEG-Umlage: Abwicklung der Erneuerbaren-Förderung
  • 🌍 Grenzüberschreitender Handel: Stromflüsse mit Nachbarländern koordinieren

⚖️ Rechtliche Grundlage

Gesetz/VerordnungRegelung
EnWG (§§ 11–16)Aufgaben und Pflichten der ÜNB
StromNZVNetzzugang und Bilanzierung
EEGEinspeisemanagement, EEG-Umlage
MaBiSMarktregeln für Bilanzkreisabrechnung

💡 Praktisches Beispiel

TenneT (Norddeutschland):

  • Bei starkem Wind in der Nordsee muss TenneT Windstrom abtransportieren – sonst droht Netzüberlastung
  • Gleichzeitig muss TenneT Kohlekraftwerke in Süddeutschland anfahren, weil dort der Wind fehlt
  • Kosten: Diese "Redispatch"-Maßnahmen kosteten 2023 über 3 Milliarden Euro

50Hertz (Ostdeutschland):

  • Gleicht Schwankungen durch Regelenergie aus Pumpspeichern aus
  • Koordiniert Stromexport nach Polen

Die 4 deutschen ÜNB:

  1. TenneT (Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein)
  2. 50Hertz (Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen)
  3. Amprion (Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland)
  4. TransnetBW (Baden-Württemberg)

2️⃣ Verteilnetzbetreiber (VNB)

🔹 Was macht ein VNB?

Der Verteilnetzbetreiber betreibt das Mittel- und Niederspannungsnetz (110 kV bis 230/400 V) und bringt Strom zu Haushalten, Gewerbe und Industrie.

Hauptaufgaben:

  • 🏠 Netzanschluss: Neue Kunden ans Netz anschließen
  • 🔧 Störungsmanagement: Stromausfälle beheben (24/7)
  • 📈 Netzausbau: Kapazität für E-Mobilität, Wärmepumpen, Solaranlagen schaffen
  • 💶 Netzentgelte: Berechnung nach ARegV, Genehmigung durch BNetzA
  • 📊 Messstellenbetrieb: Zähler einbauen und ablesen (teilweise)

⚖️ Rechtliche Grundlage

Gesetz/VerordnungRegelung
EnWG (§§ 17–28)Aufgaben der VNB
StromNEVNetzentgeltregulierung
NAVNiederspannungsanschlussverordnung
ARegVAnreizregulierung (Erlösobergrenzen)
§14a EnWGSteuerbare Verbrauchseinrichtungen

💡 Praktisches Beispiel

Stadtwerke München (SWM):

  • Verlegt neues Kabel für Wohngebiet im Münchner Norden
  • Investiert in Smart Grid-Technologie, um Solarstrom besser zu integrieren
  • Muss Netzentgelte von der BNetzA genehmigen lassen (ca. 8 ct/kWh)

Avacon (Niedersachsen):

  • Bei einem Stromausfall in Wolfsburg muss Avacon innerhalb von Minuten reagieren
  • Betreibt Umspannwerke, die 110 kV auf 20 kV transformieren

Typische VNB:

  • Stadtwerke (lokal/regional)
  • Westnetz, Netze BW, Bayernwerk, Avacon, E.ON Netz (große regionale VNB)

3️⃣ Lieferant (Stromanbieter)

🔹 Was macht ein Lieferant?

Der Lieferant kauft Strom ein und verkauft ihn an Endkunden. Er hat keine physische Infrastruktur (das macht der Netzbetreiber).

Hauptaufgaben:

  • 📈 Strombeschaffung: Einkauf an der Börse oder über Langfristverträge
  • 💰 Tarifgestaltung: Festpreis, dynamisch, Ökostrom, etc.
  • 🧾 Abrechnung: Jahresrechnung, Abschlagszahlungen
  • 🤝 Kundenbetreuung: Beratung, Service, Beschwerdemanagement
  • 📊 Marktkommunikation: Stammdaten an Netzbetreiber melden (UTILMD)

⚖️ Rechtliche Grundlage

Gesetz/VerordnungRegelung
EnWG (§§ 36–42)Grundversorgung & Lieferantenwechsel
StromGVVAllgemeine Vertragsbedingungen
GPKEGeschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität
WiMWechselprozesse im Messwesen

💡 Praktisches Beispiel

E.ON:

  • Bietet Ökostrom-Tarif an und kauft dafür Herkunftsnachweise von norwegischen Wasserkraftwerken
  • Muss bei Lieferantenwechsel UTILMD-Stammdaten an Netzbetreiber senden

LichtBlick:

  • Verkauft dynamische Stromtarife, bei denen der Preis stündlich an der Börse angepasst wird
  • Zielgruppe: Kunden mit Wärmepumpe oder E-Auto, die flexibel laden können

Octopus Energy:

  • Digitaler Stromanbieter mit Smart Meter-Pflicht
  • Bietet Agile Tarife mit Echtzeit-Preisen

4️⃣ Bilanzkreisverantwortlicher (BKV)

🔹 Was macht ein BKV?

Der BKV ist verantwortlich für den Ausgleich zwischen Einspeisung und Verbrauch in einem Bilanzkreis – dem "Strom-Bankkonto".

Hauptaufgaben:

  • 📊 Prognosen erstellen: Wie viel Strom wird verbraucht?
  • 💵 Strombeschaffung: Day-Ahead & Intraday-Handel
  • ⚖️ Bilanzkreis ausgleichen: Einspeisung = Ausspeisung (viertelstündlich)
  • 🔄 Ausgleichsenergie zahlen: Bei Abweichungen vom Plan

⚖️ Rechtliche Grundlage

Gesetz/VerordnungRegelung
EnWG (§ 20)Bilanzkreisverantwortung
StromNZV (§§ 4–10)Bilanzkreisabrechnung
MaBiSMarktregeln für die Bilanzkreisabrechnung Strom

💡 Praktisches Beispiel

Vattenfall:

  • Ist BKV für 1,5 Millionen Kunden
  • Muss täglich prognostizieren, wie viel Strom verbraucht wird
  • Bei Fehlplanung zahlt Vattenfall Ausgleichsenergie (100–200 €/MWh)

Worst-Case-Szenario:

  • Ein Industriebetrieb verbraucht ungeplant 10 MWh mehr
  • Der BKV muss kurzfristig nachkaufen → Kosten: 1.500–2.000 €
  • Gute Prognosen sparen Millionen!

➡️ Bilanzkreis detailliert erklärt


5️⃣ Messstellenbetreiber (MSB)

🔹 Was macht ein MSB?

Der Messstellenbetreiber ist verantwortlich für Einbau, Betrieb und Wartung von Stromzählern.

Hauptaufgaben:

  • 🔧 Zähler einbauen: Analog → Smart Meter (Pflichtrollout)
  • 📊 Messwerte erfassen: Alle 15 Minuten bei Smart Metern
  • 📤 Daten weiterleiten: MSCONS-Nachrichten an Lieferant, Netzbetreiber, BKV
  • 🔐 Datenschutz: BSI-Zertifizierung, verschlüsselte Kommunikation

⚖️ Rechtliche Grundlage

Gesetz/VerordnungRegelung
MsbGMessstellenbetriebsgesetz (Smart Meter Rollout)
StromNZV (§ 21b)Messwesen
BSI TR-03109Technische Richtlinie für Smart Meter Gateways

💡 Praktisches Beispiel

Discovergy:

  • Wettbewerblicher MSB (Alternative zum Grundversorger)
  • Installiert Smart Meter mit Echtzeit-Visualisierung (App)
  • Kostet ca. 100 €/Jahr (statt 20 € für analogen Zähler)

Industriebetrieb:

  • Bekommt RLM-Zähler (Registrierende Leistungsmessung)
  • Daten werden viertelstündlich an BKV gesendet → präzise Bilanzierung

Pflichteinbau ab 2025:

  • Haushalte mit > 6.000 kWh Verbrauch
  • Besitzer von steuerbaren Verbrauchseinrichtungen (§14a EnWG): Wärmepumpen, E-Auto-Wallboxen

➡️ Smart Meter verstehen


6️⃣ Netzbetreiber vs. Lieferant – Der Unterschied

Viele verwechseln Netzbetreiber und Lieferant – dabei haben sie völlig unterschiedliche Aufgaben:

AspektNetzbetreiber (NB)Lieferant
HauptaufgabeBetreibt das Stromnetz (Transport & Verteilung)Verkauft Strom an Endkunden
VerantwortungNetzstabilität & AnschlussTarife & Abrechnung
ErlösNetzentgelte (ca. 25% des Strompreises)Arbeits- & Grundpreis
WettbewerbMonopol (regional geregelt)Freie Wahl (Wechsel jederzeit möglich)
NeutralitätMuss neutral sein (kein Stromhandel)Kann Ökostrom, Graustrom oder dynamische Tarife anbieten
BeispielTenneT (ÜNB), Avacon (VNB)E.ON, LichtBlick, Octopus Energy

💡 Praktisches Beispiel: Umzug in neue Wohnung

Du ziehst um – was passiert?

  1. Netzbetreiber (z.B. Stadtwerke Köln):

    • Sorgt dafür, dass Strom physisch ankommt
    • Betreibt Leitungen, Trafostationen, Zähler
    • Du kannst ihn nicht wählen (regional festgelegt)
  2. Lieferant (z.B. Check24 Energie):

    • Schickt dir die Rechnung
    • Du kannst ihn frei wählen und wechseln
    • Verschiedene Tarife: Ökostrom, Festpreis, dynamisch

Wichtig: Auch wenn du deinen Lieferanten wechselst, bleibt der Netzbetreiber gleich!


7️⃣ Direktvermarkter (für Erneuerbare Energien)

🔹 Was macht ein Direktvermarkter?

Der Direktvermarkter vermarktet Strom aus EEG-Anlagen (Wind, Solar, Biomasse) an der Börse statt über feste Einspeisevergütung.

Hauptaufgaben:

  • 📈 Strom vermarkten: An der Börse oder direkt an Kunden (PPA)
  • 🔮 Prognosen erstellen: Wie viel Wind/Sonne gibt es morgen?
  • ⚖️ Bilanzkreisverantwortung: Ausgleich bei Schwankungen
  • 💚 Marktprämie abwickeln: Differenz zwischen Börsenpreis und EEG-Vergütung

⚖️ Rechtliche Grundlage

Gesetz/VerordnungRegelung
EEG (§§ 19–21)Direktvermarktungspflicht für große Anlagen
StromNZVBilanzkreisverantwortung
MaBiSMarktregeln für Bilanzierung

💡 Praktisches Beispiel

Next Kraftwerke:

  • Vermarktet Strom aus 10.000 kleinen EEG-Anlagen (virtuelle Kraftwerke)
  • Bei zu wenig Wind kauft Next Kraftwerke Ausgleichsenergie nach
  • Bei zu viel Wind verkauft Next Kraftwerke Strom zusätzlich

Windpark in Brandenburg:

  • Früher: Feste EEG-Vergütung (8 ct/kWh)
  • Heute: Direktvermarktung über Next Kraftwerke → Börsenpreis (6–12 ct/kWh) + Marktprämie

8️⃣ Aggregator (Flexibilitätsvermarkter)

🔹 Was macht ein Aggregator?

Der Aggregator bündelt viele kleine flexible Verbraucher oder Erzeuger zu einem virtuellen Kraftwerk.

Hauptaufgaben:

  • 🔋 Flexibilität bündeln: E-Autos, Wärmepumpen, Batteriespeicher
  • 📊 Regelenergie anbieten: Primär-, Sekundär-, Tertiärregelung
  • 💰 Flexibilität vermarkten: An ÜNB oder Spotmarkt
  • 🤖 Smart Meter-Steuerung: Automatische Optimierung per IoT

⚖️ Rechtliche Grundlage

Gesetz/VerordnungRegelung
EnWG (§ 14a)Steuerbare Verbrauchseinrichtungen
StromNZV (§ 13)Regelenergie
KWKGFörderung von Kraft-Wärme-Kopplung

💡 Praktisches Beispiel

Tibber:

  • Steuert tausende Wärmepumpen und E-Auto-Ladestationen
  • Lädt E-Autos, wenn Strom günstig ist (z.B. nachts bei viel Wind)
  • Reduziert Verbrauch, wenn Strom teuer ist (z.B. abends bei wenig Wind)

EnBW:

  • Nutzt Industriebatterien, um Primärregelleistung für Netzstabilität anzubieten
  • Reagiert in Sekunden auf Frequenzschwankungen

➡️ §14a EnWG verstehen


🔎 Zusammenfassung: Wer arbeitet mit wem?

MarktrolleArbeitet mit...Hauptziel
ÜNBBKV, VNB, DirektvermarkterNetzstabilität & Bilanzkreisabrechnung
VNBLieferant, MSB, EndkundenStromverteilung & Netzausbau
LieferantBKV, MSB, EndkundenStromverkauf & Abrechnung
BKVÜNB, Lieferant, DirektvermarkterBilanzausgleich & Ausgleichsenergie
MSBVNB, Lieferant, BKVMessdaten erfassen & weiterleiten
DirektvermarkterBKV, ÜNB, AnlagenbetreiberEEG-Strom vermarkten
AggregatorÜNB, VNB, EndkundenFlexibilität vermarkten

🚀 Warum das wichtig ist

Für Quereinsteiger:

  • Jede Rolle braucht spezifische Skills – finde die richtige für dich!
  • IT-Experten → Marktkommunikation (EDIFACT, UTILMD, MSCONS)
  • Ingenieure → Netzbetrieb, Smart Grids
  • BWL/Finance → Bilanzkreismanagement, Energiehandel

Für Praktiker:

  • Ohne diese Rollen gäbe es keinen funktionierenden Strommarkt!
  • Jede Rolle hat klare gesetzliche Aufgaben (EnWG, StromNZV, MsbG)
  • Die Energiewende braucht neue Akteure (z.B. Aggregatoren für Flexibilität)

📚 Weiterführende Ressourcen

Grundlagen

Prozesse & Formate

Regulierung


❓ Häufig gestellte Fragen

Kann ein Unternehmen mehrere Rollen haben?
Ja, aber mit Einschränkungen. Stadtwerke sind oft VNB + Lieferant, müssen aber Unbundling beachten (getrennte Buchhaltung). Ein ÜNB darf nicht als Lieferant auftreten.

Wer ist mein Ansprechpartner bei Stromausfall?
Der Netzbetreiber (VNB) – nicht der Lieferant! Notfallnummern findest du auf der Jahresrechnung oder Website des VNB.

Was passiert, wenn mein Lieferant pleite geht?
Du fällst automatisch in die Ersatzversorgung des lokalen Grundversorgers. Keine Sorge: Der Strom fließt weiter.

Wer baut Smart Meter ein?
Der Messstellenbetreiber (MSB) – entweder der Grundversorger (gMSB) oder ein wettbewerblicher MSB (z.B. Discovergy).


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