MaBiS einfach erklärt: Bilanzkreisabrechnung in der Energiewirtschaft verstehen
MaBiS – hinter dieser Abkürzung verbirgt sich das „Buchhaltungssystem" des deutschen Strommarkts. Für Quereinsteiger in der Energiewirtschaft klingt das zunächst kompliziert, aber das Grundprinzip ist einfach: Jeder muss nur für den Strom zahlen, den er tatsächlich verbraucht oder geliefert hat. Und genau das regelt MaBiS.
In diesem Artikel erklären wir die Marktregeln für die Durchführung der Bilanzkreisabrechnung Strom (MaBiS) so, dass Sie das Konzept als Einsteiger verstehen – mit praktischen Beispielen und ohne Fach-Chinesisch.
🎯 Was ist MaBiS und wozu dient es?
Die Grundidee: Strommarkt = Geldkreislauf
Stellen Sie sich den Strommarkt wie einen großen Geldkreislauf vor:
- Jeder Haushalt, jedes Unternehmen und jede Solaranlage verbraucht oder erzeugt Strom
- Damit das Netz stabil bleibt, muss genau so viel Strom eingespeist werden, wie verbraucht wird
- Weicht die Balance ab, drohen Blackouts oder Überspannungen
MaBiS ist das Regelwerk, das sicherstellt, dass alle Strommengen korrekt erfasst, abgerechnet und ausgeglichen werden.
Was regelt MaBiS konkret?
MaBiS ist ein standardisiertes Regelwerk der Bundesnetzagentur (BNetzA), das festlegt:
✅ Wer (welche Marktteilnehmer) was (welche Daten) wann (zu welchen Fristen) wie (in welchem Format) melden muss
✅ Wie Differenzen zwischen geplantem und tatsächlichem Stromverbrauch abgerechnet werden
✅ Wie Ausgleichsenergie (Strom, der kurzfristig zugekauft oder verkauft werden muss) abgerechnet wird
Die drei Ziele von MaBiS
| Ziel | Beschreibung | Vorteil |
|---|---|---|
| Transparenz | Jeder Marktteilnehmer weiß, wer wofür verantwortlich ist | Klare Verantwortlichkeiten, weniger Streitigkeiten |
| Stabilität | Das Stromnetz bleibt im Gleichgewicht | Blackouts werden vermieden, Versorgungssicherheit steigt |
| Fairness | Alle zahlen nur für den Strom, den sie tatsächlich verbraucht haben | Keine Quersubventionen, marktgerechte Preise |
👥 Die wichtigsten Rollen: Wer macht was?
In der Bilanzkreisabrechnung gibt es mehrere Akteure mit unterschiedlichen Aufgaben. Hier die Übersicht:
| Rolle | Abkürzung | Aufgabe | Beispiele |
|---|---|---|---|
| Messstellenbetreiber | MSB | Misst den Stromverbrauch (z. B. mit intelligenten Zählern) und liefert die Daten | Stadtwerke, Netzbetreiber |
| Messdienstleister | MDL | Liest Zähler ab und übermittelt die Daten an den Netzbetreiber | Externe Dienstleister |
| Verteilnetzbetreiber | VNB | Betreibt das lokale Stromnetz, sammelt Messdaten und leitet sie weiter | Westnetz, Avacon, Bayernwerk |
| Übertragungsnetzbetreiber | ÜNB | Verantwortlich für das überregionale Stromnetz und die Bilanzkreisabrechnung | TenneT, 50Hertz, Amprion, TransnetBW |
| Bilanzkreisverantwortlicher | BKV | „Energiemanager" – plant, wie viel Strom seine Kunden verbrauchen und besorgt die benötigte Menge | Stromhändler, große Industriekunden |
| Lieferant | LF | Verkauft Strom an Endkunden und ist oft selbst BKV | E.ON, Vattenfall, LichtBlick |
| Marktgebietsverantwortlicher | MGV | Koordiniert den Stromhandel in einer Region (in Deutschland nur 1 MGV) | EPEX Spot (für Deutschland/Österreich) |
Wer macht was? Ein Beispiel
Szenario: Ein Industriekunde verbraucht morgen voraussichtlich 10.000 MWh Strom.
- Der BKV plant: „Meine Kunden verbrauchen morgen 10.000 MWh – ich kaufe diese Menge ein."
- Der ÜNB prüft: „Stimmt die Planung? Wenn nicht, muss der BKV Ausgleichsenergie kaufen."
- Der VNB meldet nach dem Liefertag: „Tatsächlich wurden 10.500 MWh verbraucht – der BKV hat 500 MWh zu wenig eingekauft."
- Der BKV muss nun die fehlenden 500 MWh als Ausgleichsenergie nachkaufen – zu höheren Preisen!
⚙️ Wie funktioniert die Bilanzkreisabrechnung in der Praxis?
Die Bilanzkreisabrechnung läuft in vier Schritten ab:
Schritt 1: Planung (Day-Ahead)
Zeitpunkt: 1 Tag vor Lieferung
Was passiert:
- Der BKV schätzt den Stromverbrauch seiner Kunden für den nächsten Tag (z. B. 10.000 MWh)
- Er kauft diese Menge an der Börse oder bei anderen Lieferanten ein
- Der ÜNB sammelt alle Pläne der BKVs und prüft, ob die Summe aller Ein- und Ausspeisungen ausgeglichen ist
Schritt 2: Echtzeit (Intraday)
Zeitpunkt: Während des Liefertags
Was passiert:
- Der tatsächliche Verbrauch weicht oft ab (z. B. weil mehr Industrieanlagen laufen oder weniger Wind weht)
- Der BKV kann kurzfristig nachkaufen oder verkaufen (Intraday-Handel), um seine Bilanz auszugleichen
Schritt 3: Abrechnung (nach dem Liefertag)
Zeitpunkt: Nach der Stromlieferung
Was passiert:
- Der VNB meldet die tatsächlichen Verbrauchsdaten (z. B. 10.500 MWh) an den ÜNB
- Der ÜNB vergleicht:
- Geplant: 10.000 MWh
- Tatsächlich: 10.500 MWh
- Differenz: +500 MWh (der BKV hat zu wenig eingekauft)
- Der BKV muss die fehlenden 500 MWh als Ausgleichsenergie nachkaufen
Schritt 4: Finanzielle Abrechnung
Was passiert:
- Der ÜNB berechnet die Kosten für die Ausgleichsenergie und stellt sie dem BKV in Rechnung
- Der BKV gibt diese Kosten an seine Kunden (Lieferanten) weiter
- Der Lieferant kalkuliert die Kosten in seinen Strompreis ein
Beispiel:
Ein Industriekunde verbraucht mehr als geplant → sein BKV muss teure Ausgleichsenergie kaufen → der Strompreis für den Kunden steigt.
💡 Was ist Ausgleichsenergie und Regelenergie?
Diese beiden Begriffe werden oft verwechselt – aber sie haben unterschiedliche Funktionen:
Ausgleichsenergie („Strom-Notkauf")
Definition: Strom, den ein BKV nachträglich kaufen oder verkaufen muss, weil seine Planung nicht gestimmt hat.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Warum nötig? | Strom kann nicht gespeichert werden – wenn zu viel oder zu wenig im Netz ist, muss sofort reagiert werden |
| Preis | Meist teurer als der normale Börsenpreis, weil es kurzfristig ist |
| Wer zahlt? | Der BKV, der die Differenz verursacht hat |
| Beispiel | BKV plant 10.000 MWh, Kunden verbrauchen 10.500 MWh → BKV muss 500 MWh Ausgleichsenergie kaufen |
Regelenergie („Strom-Notreserve")
Definition: Strom, den die ÜNBs kurzfristig abrufen, um das Netz stabil zu halten (z. B. wenn ein Kraftwerk ausfällt).
| Typ | Reaktionszeit | Beispiele | Einsatz |
|---|---|---|---|
| Primärregelung | Sekunden | Batteriespeicher, rotierende Massen | Sofortige Netzstabilisierung |
| Sekundärregelung | Minuten | Gaskraftwerke, Pumpspeicher | Ersatz der Primärregelung |
| Tertiärregelung | 15+ Minuten | Flexible Industrieanlagen, zusätzliche Kraftwerke | Längerfristige Anpassung |
Preis: Wird in Auktionen vergeben, oft sehr hoch
Wer zahlt? Alle Stromkunden über die Netzentgelte
Der Unterschied in Kürze
- Ausgleichsenergie = BKV gleicht seine eigene Bilanz aus
- Regelenergie = ÜNB gleicht das gesamte Netz aus
📊 Praktisches Beispiel: Ein Tag im Leben eines BKVs
Ausgangssituation
Ein mittelgroßer Stromhändler ist BKV für 500 Industriekunden. Er plant für Montag, 20. Januar 2026:
- Geplanter Verbrauch: 50.000 MWh
- Eingekaufte Menge: 50.000 MWh (an der Börse für 80 €/MWh)
Was passiert am Liefertag?
Vormittag (9:00 Uhr):
- Wettervorhersage ändert sich → weniger Solarstrom als erwartet
- BKV kauft zusätzlich 2.000 MWh im Intraday-Handel (90 €/MWh)
Nachmittag (15:00 Uhr):
- Großer Industriekunde schaltet ungeplant Produktionsanlage an
- BKV kauft nochmal 1.500 MWh im Intraday (95 €/MWh)
Nach dem Liefertag (22. Januar):
- Tatsächlicher Verbrauch: 54.000 MWh
- Eingekauft: 53.500 MWh
- Fehlmenge: 500 MWh
Die Abrechnung
Der BKV muss die fehlenden 500 MWh als Ausgleichsenergie nachkaufen:
- Ausgleichsenergiepreis: 120 €/MWh (deutlich teurer!)
- Kosten: 500 MWh × 120 €/MWh = 60.000 €
- Diese Kosten werden an die Kunden weitergegeben
Lesson learned: Genaue Planung spart Geld! Ein BKV muss ständig überwachen und anpassen.
🔗 Verbindung zu anderen Marktkommunikationsprozessen
MaBiS ist eng mit anderen Prozessen der Energiewirtschaft verzahnt:
Zu GPKE (Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität)
- GPKE regelt den Lieferantenwechsel und die Stammdatenübermittlung
- MaBiS regelt die Abrechnung der Bilanzkreise nach dem Lieferantenwechsel
- Zusammenhang: Ohne korrekte GPKE-Stammdaten kann MaBiS keine genaue Bilanzkreisabrechnung durchführen
➡️ Mehr zu GPKE-Prozessen erfahren
Zu WiM (Wechselprozesse im Messwesen)
- WiM regelt den Wechsel des Messstellenbetreibers (MSB)
- MaBiS braucht die Messdaten vom MSB für die Bilanzkreisabrechnung
- Zusammenhang: Nur mit korrekten und pünktlichen Messdaten kann der BKV seine Bilanz präzise planen
Zu EDIFACT-Nachrichten
- UTILMD übermittelt Stammdaten für Marktlokationen
- MSCONS übermittelt Messwerte (Zählerstände, Verbrauchswerte)
- MaBiS basiert auf diesen Daten für die Bilanzkreisabrechnung
➡️ EDIFACT-Grundlagen verstehen
📚 Zusammenfassung: MaBiS in 3 Sätzen
-
MaBiS ist das „Buchhaltungssystem" des Strommarkts, das sicherstellt, dass jeder nur für den Strom zahlt, den er tatsächlich verbraucht oder geliefert hat.
-
BKVs planen den Strombedarf, ÜNBs prüfen die Bilanz – wenn die Planung nicht stimmt, muss der BKV teure Ausgleichsenergie kaufen.
-
Regelenergie hält das Netz stabil, Ausgleichsenergie gleicht die Bilanz einzelner BKVs aus – beides kostet Geld und wird über Strompreise weitergegeben.
🎓 Weiterführende Ressourcen
Für Quereinsteiger
- Energiewirtschaft für Einsteiger: Die wichtigsten Begriffe
- Was ist ein Bilanzkreis? Einfach erklärt
- Marktrollen in der Energiewirtschaft: LF, NB, MSB erklärt
Für Fortgeschrittene
- Mehr-/Mindermengenabrechnung verstehen
- BNetzA-Festlegung BK6-24-174 (MaBiS Lesefassung)
- BDEW-Anwendungshilfe Marktkommunikation
❓ Häufig gestellte Fragen zu MaBiS
Was passiert, wenn ein BKV ständig Ausgleichsenergie benötigt?
Seine Kosten steigen massiv, und er wird für Kunden unattraktiv. Gute BKVs investieren in Prognosesysteme und Flexibilitätsoptionen.
Muss ich als Endkunde MaBiS kennen?
Nein, als Privatkunde nicht. Aber als Mitarbeiter in der Energiewirtschaft (Stadtwerke, Netzbetreiber, Lieferanten) sollten Sie die Grundlagen verstehen.
Wo finde ich die aktuellen MaBiS-Regeln?
Die BNetzA veröffentlicht die aktuellen Festlegungen auf bundesnetzagentur.de. Die BDEW bietet Anwendungshilfen mit Praxisbeispielen.
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