PILLAR-ARTIKEL

Marktkommunikation Energiewirtschaft: Der komplette Leitfaden für 2025

Alles über Marktkommunikation in der deutschen Energiewirtschaft: EDIFACT-Formate, GPKE-Prozesse, Lieferantenwechsel, Stammdaten und regulatorische Anforderungen. Praxiswissen für Stadtwerke, Netzbetreiber und Energiedienstleister.

Thorsten Zoerner15 min

Marktkommunikation Energiewirtschaft: Der komplette Leitfaden für 2025

Die Marktkommunikation ist das Nervensystem der deutschen Energiewirtschaft. Sie regelt den strukturierten Datenaustausch zwischen 870 Stromnetzbetreibern, 710 Gasnetzbetreibern, über 1.000 Energielieferanten und zahlreichen Messstellenbetreibern. Mit der Einführung des 24-Stunden-Lieferantenwechsels und der AS4-Kommunikationsstandards steht die Branche vor der größten Transformation seit der Marktöffnung.

Dieser Leitfaden erklärt die Grundlagen, Prozesse und praktischen Herausforderungen der Marktkommunikation – praxisnah, verständlich und mit direktem Nutzen für Ihre tägliche Arbeit.

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Was ist Marktkommunikation in der Energiewirtschaft?

Marktkommunikation (kurz: MaKo) bezeichnet den standardisierten Austausch von Geschäftsdokumenten zwischen allen Marktpartnern der Energiewirtschaft. Die Standardisierung erfolgt durch die BDEW-Marktkommunikations-Richtlinien, die auf dem internationalen EDIFACT-Format basieren.

Die drei Säulen der Marktkommunikation

  1. Prozessrahmen: GPKE (Strom), WiM (Strom), GeLi Gas definieren die Geschäftsabläufe
  2. Datenformate: EDIFACT-Nachrichten (UTILMD, MSCONS, INVOIC, ORDERS, REMADV)
  3. Infrastruktur: AS4-Kommunikationsplattformen für sicheren Nachrichtenaustausch

Warum ist MaKo so wichtig?

Ohne funktionierende Marktkommunikation sind folgende essenzielle Prozesse nicht möglich:

  • Lieferantenwechsel (ca. 6 Millionen pro Jahr in Deutschland)
  • Netznutzungsabrechnung (Millionen von Zählpunkten)
  • Messwertübermittlung (MSCONS für Abrechnung)
  • Stammdatenpflege (Zählpunkte, Marktlokationen, Messlokationen)
  • Rechnungsstellung und Zahlungsabwicklung

GPKE: Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität

Der GPKE ist das Regelwerk für Lieferantenwechsel, Einzug/Auszug und Stammdatenpflege im Strommarkt. Mit dem 24-Stunden-Lieferantenwechsel (seit 2024 schrittweise Einführung) verschärfen sich die Anforderungen an Prozessgeschwindigkeit und Datenqualität dramatisch.

Die GPKE-Hauptprozesse im Überblick

1. Lieferantenwechsel ohne Unterbrechung

Regelfristen:

  • Anmeldung beim Netzbetreiber: 6 Werktage vor Lieferbeginn
  • Netzbetreiber-Rückmeldung (Bestätigung/Ablehnung): 3 Werktage
  • Abmeldung des alten Lieferanten: Automatisch mit Lieferbeginn des neuen Lieferanten

Kritische Erfolgsfaktoren:

  • Korrekte Marktlokations-ID (MaLo-ID) im 11-stelligen Format
  • Gültige Stammdaten (Zählpunkt, Messkonzept, Bilanzierungsgebiet)
  • Einhaltung der Kündigungsfristen beim alten Lieferanten
  • Rechtzeitige UTILMD-Anmeldung an den Netzbetreiber

2. Einzug und Auszug

Szenario Einzug:

  1. Kunde schließt Liefervertrag ab
  2. Lieferant sendet UTILMD-Anmeldung an Netzbetreiber (Meldecode E03)
  3. Netzbetreiber prüft und sendet APERAK (Anwendungsbestätigung)
  4. Netzbetreiber bestätigt Lieferbeginn mit UTILMD-Bestätigung

Szenario Auszug:

  1. Kunde kündigt Liefervertrag
  2. Lieferant sendet UTILMD-Abmeldung an Netzbetreiber (Meldecode E04)
  3. Netzbetreiber liest Zähler ab und sendet Abschlagswerte
  4. Lieferant erstellt Schlussrechnung

Häufige Fehlerquellen im GPKE-Prozess

FehlerHäufigkeitLösung
Falsche MaLo-ID35%Stammdaten-Navigator nutzen, doppelte Validierung
Fristüberschreitung28%Automatische Fristerinnerungen, Workflow-System
Fehlerhafter UTILMD-Aufbau22%EDIFACT-Validierung vor Versand, Testdatenbank
Fehlende Bilanzkreiszuordnung15%Checkliste vor Anmeldung

EDIFACT-Nachrichtenformate: Der technische Unterbau

EDIFACT (Electronic Data Interchange For Administration, Commerce and Transport) ist der internationale UN-Standard für elektronischen Geschäftsdatenaustausch. Die Energiewirtschaft nutzt eine spezialisierte Untermenge, die von der BDEW definiert wird.

Fragen zu EDIFACT oder GPKE? Im Chat sofort beantworten

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Die wichtigsten EDIFACT-Nachrichtentypen

UTILMD (Utilities Master Data Message)

Zweck: Stammdatenaustausch für Marktlokationen, Messlokationen und Zählpunkte

Anwendungsfälle:

  • Anmeldung Lieferant beim Netzbetreiber (E01, E02, E03)
  • Stammdatenänderungen (Z08, Z09, Z10)
  • Messkonzept-Änderungen

Beispiel-Segment:

UNH+1+UTILMD:D:11A:UN:2.7a'
BGM+E01+123456789+9'
DTM+137:20250101:102'
NAD+MS+9900123456789::293'
LOC+172+DE0001234567890::293'

MSCONS (Metered Services Consumption Report)

Zweck: Übermittlung von Messwerten für Abrechnung und Bilanzierung

Varianten:

  • Einzelwerte: Ein Zählpunkt, ein Zeitraum
  • Lastgänge: 15-Minuten-Werte für RLM-Kunden
  • Summenzeitreihen: Aggregierte Werte für SLP-Kunden

Typischer Inhalt:

  • Zählpunkt-Identifikation
  • Messwerttyp (Arbeit, Leistung)
  • Zeitreihen-Daten
  • Qualitätskennzeichen (gemessen, geschätzt, prognostiziert)

INVOIC (Invoice Message)

Zweck: Elektronische Rechnung zwischen Marktpartnern

Einsatzbereiche:

  • Netznutzungsabrechnung Netzbetreiber → Lieferant
  • Messdienstleistungsabrechnung Messstellenbetreiber → Lieferant
  • Energielieferung Lieferant → Kunde (bei B2B-Kunden)

ORDERS (Purchase Order Message)

Zweck: Bestellung von Dienstleistungen

Typische Anwendung:

  • Bestellung Messstellenbetrieb
  • Bestellung Zählerablesung
  • Bestellung Netzanschluss

WiM: Wechselprozesse im Messwesen

Der WiM-Prozessrahmen regelt den Wechsel des Messstellenbetreibers (MSB) und die damit verbundenen Datenflüsse. Seit der Liberalisierung des Messwesens (2008) können Anschlussnehmer ihren MSB frei wählen.

WiM-Hauptprozesse

1. MSB-Wechsel ohne Messeinrichtungswechsel

Ablauf:

  1. Kunde beauftragt neuen MSB (wettbewerblicher MSB = wMSB)
  2. wMSB sendet UTILMD-Anfrage an bisherigen MSB
  3. Bisheriger MSB übermittelt Stammdaten
  4. wMSB installiert ggf. neue Messtechnik (Smart Meter Gateway)
  5. wMSB übernimmt Betrieb ab vereinbartem Datum

2. MSB-Wechsel mit Messeinrichtungswechsel

Besonderheit: Einbau intelligenter Messsysteme (iMSys) gemäß Messstellenbetriebsgesetz (MsbG)

Pflichteinbau ab:

  • 2025: Alle Neubauten
  • 2032: Alle Bestandsanlagen über 6.000 kWh/Jahr
  • Sofort: PV-Anlagen über 7 kW, EEG-geförderte Anlagen

GeLi Gas: Geschäftsprozesse Lieferantenwechsel Gas

Der GeLi Gas ist das Pendant zum GPKE für den Gasmarkt. Die Prozesse sind strukturell ähnlich, unterscheiden sich aber in Details (z.B. Gastag statt Stromtag, SLP-Profile).

Besonderheiten im Gasmarkt

  • Thermische Gasabrechnung: Volumen (m³) muss in Energie (kWh) umgerechnet werden
  • Zustandszahl: Temperatur- und Druckkorrektur
  • Brennwert: Variiert je nach Gasqualität (8-12 kWh/m³)
  • SLP-Profile Gas: H0 (Haushalt), G0 (Gewerbe), mit saisonaler Abhängigkeit

Stammdaten: Das Fundament der Marktkommunikation

Marktlokation (MaLo)

Definition: Virtueller Punkt, an dem Energie geliefert wird (= Vertragsbeziehung)

Format: 11-stellig, z.B. DE0001234567890

Eigenschaften:

  • Eindeutige Identifikation eines Lieferpunkts
  • Zuordnung zu Netzbetreiber, Lieferant, Messstellenbetreiber
  • Bilanzkreiszuordnung

Messlokation (MeLo)

Definition: Physischer Messpunkt (= Zähler)

Format: 33-stellig, z.B. DE00000000000000000000001234567890

Eigenschaften:

  • Zuordnung zu einer oder mehreren Marktlokationen
  • Messkonzept (Eintarifzähler, Zweitarifzähler, Wandlermessung)
  • Technische Messeinrichtung (analoger Zähler, moderne Messeinrichtung, iMSys)

Der Unterschied: MaLo vs. MeLo

KriteriumMarktlokationMesslokation
ZweckVertragliche ZuordnungPhysische Messung
BeispielWohnung im MehrfamilienhausStromzähler im Keller
Änderung beiLieferantenwechselZählerwechsel, Umbau
1:n-BeziehungEine MaLo kann mehrere MeLos haben-

Praktische Herausforderungen und Lösungen

Challenge 1: Datenqualität

Problem: Fehlerhafte Stammdaten führen zu Prozessabbrüchen und Verzögerungen.

Lösung:

  • Automatische Validierung vor Nachrichtenversand
  • Stammdaten-Navigator zur Echtzeit-Abfrage von Netzbetreiber-Datenbanken
  • Doppelte Prüfung kritischer Felder (MaLo-ID, Bilanzkreis, Zählpunkte)

Challenge 2: Fristeneinhaltung

Problem: GPKE-Fristen (6 WT, 3 WT) sind bei manueller Bearbeitung schwer einzuhalten.

Lösung:

  • Workflow-Automatisierung mit Fristerinnerungen
  • Dashboard zur Überwachung offener Prozesse
  • KI-gestützte Priorisierung nach Dringlichkeit

Challenge 3: AS4-Umstellung

Problem: Abkündigung der alten Kommunikationsstandards, Umstellung auf AS4 bis Ende 2025.

Lösung:

  • AS4-Gateway zur Anbindung bestehender Systeme
  • Zertifizierungsprozess frühzeitig starten
  • Parallelbetrieb während der Migrationsphase

Tools und Ressourcen

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Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was kostet die Implementierung eines MaKo-Systems?

Die Kosten variieren stark je nach Ausgangslage:

  • Kleine Stadtwerke (< 10.000 Kunden): 50.000 - 150.000€ für Standardlösung
  • Mittlere EVUs (10.000 - 100.000 Kunden): 150.000 - 500.000€ inkl. ERP-Integration
  • Große Konzerne: > 1 Mio. € für individuelle Plattform

Tipp: SaaS-Lösungen wie enerchy reduzieren Initialkosten auf monatliche Gebühren ab 29€/Monat.

Wie lange dauert ein Lieferantenwechsel wirklich?

Regulatorisch:

  • GPKE: 6 Werktage Vorlaufzeit + 3 Werktage Bearbeitungszeit = ca. 2 Wochen
  • 24-Stunden-Lieferantenwechsel: 1 Werktag (schrittweise Einführung ab 2024)

In der Praxis:

  • Ohne Komplikationen: 10-14 Tage
  • Mit Stammdatenfehlern: 4-8 Wochen
  • Mit Netzanschluss-Änderungen: 3-6 Monate

Welche Systeme benötige ich für MaKo?

Mindest-Infrastruktur:

  1. ERP-System (SAP IS-U, Schleupen, Wilken, etc.) für Stammdaten und Abrechnung
  2. EDI-Konverter für EDIFACT-Nachrichtenerzeugung/-parsing
  3. AS4-Gateway für sichere Kommunikation
  4. Workflow-System für Prozesssteuerung
  5. Monitoring-Dashboard für Fehlererkennung

Alternative: All-in-One-SaaS wie enerchy, das alle Komponenten integriert.

Wie bereite ich mich auf den 24h-Lieferantenwechsel vor?

Checkliste:

  • AS4-Kommunikation erfolgreich getestet
  • Stammdaten-Qualität überprüft (> 98% korrekt)
  • Workflow-Automatisierung implementiert
  • Mitarbeiter geschult (neue Fristen, Fehlerbehandlung)
  • Monitoring-System installiert (Echtzeit-Alarme)
  • Backup-Prozesse definiert (bei Systemausfall)

Fazit: Marktkommunikation meistern

Die Marktkommunikation ist komplex, aber mit den richtigen Tools und fundiertem Wissen beherrschbar. Die drei Erfolgsfaktoren sind:

  1. Prozessverständnis: GPKE/WiM/GeLi-Regeln verinnerlichen
  2. Datenqualität: Stammdaten sauber pflegen und validieren
  3. Automatisierung: Manuelle Prozesse eliminieren, Fehler reduzieren

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Letzte Aktualisierung: Januar 2025 | Autor: Thorsten Zoerner, Geschäftsführer STROMDAO GmbH

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