Lesezeit: 8 min

Die Energiewende bringt nicht nur neue Technologien und Geschäftsmodelle mit sich, sondern auch komplexere Anforderungen an die Marktkommunikation. Ein zentraler Baustein ist dabei die Bilanzkreisabrechnung – ein Thema, das oft als "Buchhalterei der Energiewirtschaft" abgetan wird, aber in Wahrheit das Rückgrat eines stabilen und fairen Strommarktes bildet. Doch was passiert, wenn die zugrundeliegenden Messwerte nicht stimmen? Und warum sind die Prozesse nach dem Wechselprozess im Messwesen (WiM) dabei so entscheidend?

In diesem Artikel beleuchten wir die Schnittstelle zwischen Bilanzkreisabrechnung, Mehr-/Mindermengen und der Qualität der Messdaten – und warum Energieversorger hier besonders aufmerksam sein sollten.


1. Bilanzkreisabrechnung: Mehr als nur "Strombuchhaltung"

Was ist ein Bilanzkreis?

Ein Bilanzkreis ist ein virtuelles Konto für Strommengen: Er fasst alle Einspeisungen (z. B. von Kraftwerken oder Solaranlagen) und Entnahmen (z. B. von Haushalten oder Industriekunden) zusammen, die einem Energieversorger oder Händler zugeordnet sind. Ziel ist es, dass Einspeisung und Verbrauch zu jedem Zeitpunkt ausgeglichen sind – sonst drohen Ungleichgewichte, die das Stromnetz destabilisieren können.

Warum ist die Abrechnung so komplex?

Seit 2011 regeln die "Marktregeln für die Durchführung der Bilanzkreisabrechnung Strom" (MaBiS) die Prozesse. Doch die Realität ist komplizierter als die Theorie:

  • Profilkunden (Haushalte und kleine Gewerbekunden) werden über Standardlastprofile bilanziert – ihr tatsächlicher Verbrauch wird nur einmal jährlich abgelesen.
  • RLM-Kunden (Registrierende Leistungsmessung) liefern tägliche oder viertelstündliche Messwerte, die direkt in die Bilanzierung einfließen.
  • Dezentrale Erzeuger (z. B. EEG-Anlagen) speisen unvorhersehbar ein – ihre Mengen müssen ebenfalls bilanziert werden.

Problem: Wenn die bilanzierten Mengen nicht mit den tatsächlichen Verbräuchen oder Einspeisungen übereinstimmen, entstehen Mehr- oder Mindermengen – und die müssen ausgeglichen werden.


2. Mehr-/Mindermengen: Der unsichtbare Kostentreiber

Was sind Mehr-/Mindermengen?

  • Mehrmenge: Der Kunde hat weniger verbraucht als bilanziert (z. B. weil ein Unternehmen weniger produziert hat als geplant).
  • Mindermenge: Der Kunde hat mehr verbraucht als bilanziert (z. B. weil ein Kühlhaus mehr Strom benötigt hat als angenommen).

Diese Differenzen werden nachträglich abgerechnet – meist zum Marktpreis, der deutlich höher oder niedriger sein kann als der vertraglich vereinbarte Strompreis.

Warum sind sie ein Problem?

  1. Finanzielle Risiken:

    • Bei Mindermengen muss der Lieferant die fehlende Menge zum (oft höheren) Marktpreis nachkaufen.
    • Bei Mehrmengen erhält er eine Vergütung – aber nur zum (oft niedrigeren) Marktpreis.
    • Beispiel: Ein Industriekunde verbraucht im Winter plötzlich 20 % mehr Strom als geplant. Die Mindermenge wird zum aktuellen Börsenpreis abgerechnet – und der kann in einer Kältewelle bei über 30 Cent/kWh liegen, während der Vertragspreis nur 20 Cent/kWh beträgt.
  2. Prozessuale Risiken:

    • Wenn Messwerte fehlerhaft oder verspätet übermittelt werden, verzögert sich die Abrechnung.
    • WiM-Prozesse (z. B. bei Messstellenwechsel) können zu Lücken in der Datenübermittlung führen.
    • Beispiel: Ein Messstellenbetreiber (MSB) übermittelt die Zählerstände eines RLM-Kunden erst mit zwei Wochen Verspätung. In dieser Zeit wird der Verbrauch über ein Standardlastprofil bilanziert – die Abweichung muss später mühsam korrigiert werden.
  3. Regulatorische Risiken:

    • Die Bundesnetzagentur (BNetzA) überwacht die Einhaltung der MaBiS-Regeln.
    • Bei wiederholten Fehlern drohen Bußgelder oder sogar der Ausschluss vom Markt.

3. Die Rolle der Messwerte: Warum "Garbage in, Garbage out" gilt

Wie Messwerte die Bilanzierung beeinflussen

Die Qualität der Bilanzkreisabrechnung steht und fällt mit der Genauigkeit der Messwerte. Doch hier gibt es mehrere Stolpersteine:

a) Standardlastprofile vs. reale Verbräuche

  • Profilkunden werden über Standardlastprofile bilanziert – eine grobe Schätzung, die selten exakt passt.
  • Problem: Wenn ein Kunde sein Verhalten ändert (z. B. durch Homeoffice oder eine neue Wärmepumpe), weicht der tatsächliche Verbrauch stark vom Profil ab.
  • Lösung: Intelligente Messsysteme (iMS) können hier Abhilfe schaffen, indem sie tatsächliche Verbrauchsdaten liefern – aber nur, wenn sie korrekt installiert und ausgelesen werden.

b) RLM-Kunden: Viertelstundenwerte sind Pflicht – aber nicht immer verfügbar

  • Bei Kunden mit Registrierender Leistungsmessung (RLM) müssen Viertelstundenwerte übermittelt werden.
  • Problem: Wenn der Messstellenbetreiber die Daten nicht rechtzeitig oder fehlerhaft liefert, wird der Verbrauch über ein Ersatzprofil bilanziert – mit entsprechenden Abweichungen.
  • Beispiel: Ein großer Supermarkt mit RLM-Zähler wechselt den Messstellenbetreiber. Während der Umstellung gehen zwei Tage Messwerte verloren. Die Bilanzierung erfolgt über ein Standardlastprofil – die spätere Korrektur führt zu einer teuren Mindermenge.

c) Dezentrale Erzeuger: EEG-Anlagen und ihre Tücken

  • Kleine EEG-Anlagen (z. B. Solaranlagen auf Einfamilienhäusern) werden oft über Standardlastprofile bilanziert.
  • Problem: Die tatsächliche Einspeisung hängt vom Wetter ab – und weicht stark von der Prognose ab.
  • Lösung: Fernauslesbare Zähler können hier helfen, aber viele ältere Anlagen haben noch keine digitale Schnittstelle.

4. WiM-Prozesse: Der unterschätzte Hebel für korrekte Daten

Was ist WiM?

Der Wechselprozess im Messwesen (WiM) regelt, wie Messstellenbetreiber (MSB) und Netzbetreiber (NB) bei einem Wechsel des Messdienstleisters zusammenarbeiten. Dazu gehören:

  • Die Anforderung und Übermittlung von Messwerten (z. B. bei Lieferantenwechsel).
  • Die Stammdatenpflege (z. B. Zählernummern, Messlokationen).
  • Die Abrechnung der Messentgelte.

Warum WiM für die Bilanzkreisabrechnung entscheidend ist

  1. Datenlücken vermeiden:

    • Wenn ein Kunde den Lieferanten wechselt, müssen die letzten Zählerstände korrekt übermittelt werden.
    • Problem: Wenn der alte MSB die Daten nicht rechtzeitig liefert, wird der Verbrauch über ein Standardlastprofil bilanziert – mit entsprechenden Abweichungen.
    • Lösung: Klare Fristen und Verantwortlichkeiten im WiM-Prozess (z. B. unverzügliche Übermittlung nach Lieferantenwechsel).
  2. Korrekte Zuordnung von Messwerten:

    • Jeder Zähler muss einer Marktlokation zugeordnet sein.
    • Problem: Wenn die Stammdaten nicht stimmen (z. B. falsche Zählernummer), werden die Messwerte der falschen Marktlokation zugeordnet.
    • Beispiel: Ein Gewerbekunde zieht um, aber der Zähler bleibt dem alten Standort zugeordnet. Die Messwerte fließen in die falsche Bilanzierung ein – die spätere Korrektur ist aufwendig.
  3. Abrechnung der Messentgelte:

    • Der MSB stellt dem Netzbetreiber die Kosten für Messung und Ablesung in Rechnung.
    • Problem: Wenn die Abrechnung nicht korrekt erfolgt (z. B. falsche Artikel-IDs im EDIFACT-Format), kommt es zu Nachforderungen oder Rückbuchungen.
    • Lösung: Automatisierte Prüfungen der EDIFACT-Nachrichten (z. B. auf korrekte IMD-Codes wie "MSB" für Messstellenbetrieb).

5. Praktische Beispiele: Wo es schiefgehen kann – und wie man es besser macht

Fall 1: Der "verschollene" Zählerstand

Szenario: Ein Industriekunde wechselt zum 1. Juli den Stromlieferanten. Der alte Lieferant fordert den letzten Zählerstand beim Messstellenbetreiber an – doch der übermittelt ihn erst zwei Wochen später.

Folge:

  • Der neue Lieferant bilanziert den Juli-Verbrauch über ein Standardlastprofil.
  • Der tatsächliche Verbrauch liegt 15 % höher – es entsteht eine Mindermenge von 50.000 kWh.
  • Die Nachberechnung erfolgt zum Börsenpreis von 28 Cent/kWh (statt 22 Cent/kWh Vertragspreis).
  • Kosten für den Lieferanten: 3.000 € Mehrkosten – nur wegen einer verspäteten Datenübermittlung.

Lösung:

  • Klare Fristen im WiM-Prozess: Der Messstellenbetreiber muss den Zählerstand innerhalb von 2 Werktagen übermitteln.
  • Automatisierte Erinnerungen: Wenn der Zählerstand nicht pünktlich kommt, wird der MSB automatisch benachrichtigt.

Fall 2: Die falsche Artikel-ID in der Rechnung

Szenario: Ein Netzbetreiber erhält vom Messstellenbetreiber eine Rechnung für Messstellenbetrieb (MSB). Doch in der EDIFACT-Nachricht ist versehentlich der Code "MVR" (Monatsrechnung) statt "MSB" angegeben.

Folge:

  • Die Rechnung wird falsch verbucht und landet im falschen Kostenkonto.
  • Der Netzbetreiber zahlt die Rechnung – doch später stellt sich heraus, dass sie nicht korrekt zugeordnet wurde.
  • Aufwand für die Korrektur: Mehrere Stunden Buchhaltung, Rückfragen, manuelle Anpassungen.

Lösung:

  • Validierung der EDIFACT-Nachrichten: Vor dem Versand sollte geprüft werden, ob die IMD-Codes korrekt sind.
  • Automatisierte Plausibilitätschecks: Systeme sollten warnen, wenn eine Rechnung für "MSB" mit dem Code "MVR" kommt.

Fall 3: Die "unsichtbare" EEG-Anlage

Szenario: Ein Landwirt installiert eine neue Biogasanlage mit 150 kW Leistung. Der Netzbetreiber wird darüber informiert – doch in den Stammdaten wird die Anlage fälschlich als "Haushalts-Solaranlage" mit 10 kW erfasst.

Folge:

  • Die Einspeisung wird über ein Standardlastprofil bilanziert – doch die tatsächliche Einspeisung ist 15-mal höher.
  • Es entsteht eine massive Mehrmenge, die erst bei der Jahresabrechnung auffällt.
  • Kosten für den Netzbetreiber: Die Differenz muss zum Marktpreis vergütet werden – ein finanzieller Verlust.

Lösung:

  • Regelmäßige Stammdatenabgleiche: Netzbetreiber und MSB sollten ihre Daten quartalsweise abgleichen.
  • Automatisierte Warnmeldungen: Wenn eine Anlage plötzlich deutlich mehr einspeist als bilanziert, sollte das System eine Benachrichtigung auslösen.

6. Fazit: Warum Präzision sich auszahlt

Die Bilanzkreisabrechnung ist kein lästiges Pflichtprogramm, sondern ein zentraler Baustein für die Stabilität des Strommarktes. Doch sie funktioniert nur, wenn: ✅ Messwerte korrekt und pünktlich übermittelt werden. ✅ WiM-Prozesse reibungslos ablaufen – ohne Datenlücken oder falsche Zuordnungen. ✅ EDIFACT-Nachrichten fehlerfrei sind – mit den richtigen Codes und Formaten.

Die gute Nachricht: Viele Probleme lassen sich durch automatisierte Prozesse, klare Verantwortlichkeiten und regelmäßige Datenprüfungen vermeiden. Energieversorger, die hier investieren, sparen nicht nur Zeit und Geld, sondern vermeiden auch regulatorische Risiken.

Ihre Herausforderung?

Stehen Sie vor ähnlichen Problemen in der Bilanzkreisabrechnung? Haben Sie Fragen zu WiM-Prozessen, EDIFACT-Nachrichten oder der korrekten Zuordnung von Messwerten? Dann lassen Sie uns darüber sprechen!

Wie gehen Sie mit Mehr-/Mindermengen um? Haben Sie schon einmal erlebt, dass fehlerhafte Messwerte zu finanziellen Verlusten geführt haben? Schreiben Sie mir – ich freue mich auf den Austausch!

Weitere Artikel zum Thema marktkommunikation-energiewirtschaft

Profitieren Sie von KI-gestützter Regulatorik-Beratung

enerchy analysiert Ihre EDIFACT-Nachrichten, prüft Fristen und beantwortet regulatorische Fragen – automatisch und in Sekundenschnelle.

Jetzt kostenlos testen (5 Sessions)
Bilanzkreisabrechnung und Mehr-/Mindermengen: Warum korrekte Messwerte und WiM-Prozesse entscheidend sind | enerchy