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Die Energiewende bringt nicht nur neue Erzeugungsanlagen und Stromtarife mit sich – sie revolutioniert auch die Art und Weise, wie Energieversorger ihren Bilanzkreis managen. Im Zentrum dieser Veränderung stehen intelligente Messsysteme (Smart Meter) und registrierende Leistungsmessung (RLM). Beide Technologien ermöglichen eine präzisere Erfassung des Stromverbrauchs und verändern damit grundlegend die Mehr-/Mindermengenabrechnung (MMMA). Doch was bedeutet das konkret für Energieversorger? Und wie können sie sich auf diese neuen Anforderungen vorbereiten?

Bilanzkreismanagement: Die Grundlagen

Bevor wir uns den Veränderungen widmen, lohnt ein Blick auf die Grundlagen. Ein Bilanzkreis ist im Prinzip ein virtuelles Konto für Strom: Auf der einen Seite wird die prognostizierte Einspeisung und der prognostizierte Verbrauch verbucht, auf der anderen Seite die tatsächlichen Werte. Ziel ist es, dass diese beiden Seiten möglichst im Gleichgewicht bleiben. Weichen sie voneinander ab, entstehen Mehr- oder Mindermengen – und die müssen abgerechnet werden.

Bisher basierte dieses System vor allem auf Standardlastprofilen (SLP) für Haushaltskunden und RLM für größere Verbraucher. Doch mit dem flächendeckenden Rollout von Smart Metern und der zunehmenden Verbreitung von RLM-Zählern wird dieses System immer granularer – und komplexer.

Die Rolle von Smart Metern und RLM-Zählern

Smart Meter und RLM-Zähler sind die technologischen Treiber dieser Entwicklung. Beide ermöglichen eine deutlich präzisere Erfassung des Stromverbrauchs:

  • Smart Meter erfassen den Verbrauch in 15-Minuten-Intervallen und übertragen diese Daten automatisch an den Messstellenbetreiber.
  • RLM-Zähler messen ebenfalls in kurzen Intervallen, sind aber vor allem für größere Verbraucher (ab 10.000 kWh Jahresverbrauch) vorgesehen.

Diese präzisen Daten ermöglichen eine viel genauere Bilanzierung – und damit auch eine fairere Abrechnung von Mehr- und Mindermengen. Doch sie bringen auch neue Herausforderungen mit sich.

Mehr-/Mindermengenabrechnung im Wandel

Die Mehr-/Mindermengenabrechnung (MMMA) ist ein zentraler Bestandteil des Bilanzkreismanagements. Sie sorgt dafür, dass Abweichungen zwischen prognostiziertem und tatsächlichem Verbrauch ausgeglichen werden. Mit der Einführung von Smart Metern und der zunehmenden Verbreitung von RLM-Zählern verändert sich dieses System in mehreren Punkten:

1. Granularere Daten, präzisere Abrechnung

Bisher basierte die MMMA für Haushaltskunden auf Standardlastprofilen. Diese Profile sind jedoch nur grobe Schätzungen des tatsächlichen Verbrauchs. Smart Meter ermöglichen nun eine Abrechnung auf Basis der tatsächlichen Verbrauchsdaten – und das in 15-Minuten-Intervallen.

Praktische Auswirkung: Die Abrechnung wird präziser, aber auch komplexer. Energieversorger müssen ihre IT-Systeme anpassen, um diese granularen Daten verarbeiten zu können.

2. Bilanzierungsverfahrenswechsel als Herausforderung

Ein besonderes Augenmerk gilt dem Wechsel des Bilanzierungsverfahrens – etwa wenn ein Haushalt durch den Einbau eines Smart Meters vom SLP- auf das RLM-Verfahren umgestellt wird. Dieser Wechsel kann zu Zwischenabrechnungen führen, die die MMMA beeinflussen.

Beispiel aus der Praxis (Quelle 16):

"Wenn ein Bilanzierungsverfahrenswechsel von SLP auf RLM stattfindet, muss der Netzbetreiber eine Zwischenabrechnung der Netznutzung durchführen. Im Anschluss wird auf der Basis dieser Netznutzungsrechnung die Mehr-/Mindermengenrechnung gestellt."

Praktischer Tipp: Energieversorger sollten ihre Prozesse so gestalten, dass sie solche Wechsel frühzeitig erkennen und entsprechend reagieren können.

3. Dynamische Tarife und Lastmanagement

Smart Meter ermöglichen nicht nur eine präzisere Abrechnung, sondern auch neue Tarifmodelle – etwa dynamische Tarife, die sich am aktuellen Strompreis orientieren. Diese Tarife können den Verbrauch beeinflussen und damit auch die Bilanzierung.

Praktische Auswirkung: Energieversorger müssen ihre Prognosemodelle anpassen, um diese dynamischen Effekte zu berücksichtigen.

4. Neue regulatorische Anforderungen

Die Einführung von Smart Metern und RLM-Zählern bringt auch neue regulatorische Anforderungen mit sich. So müssen Energieversorger beispielsweise sicherstellen, dass die Datenübertragung den Vorgaben des Messstellenbetriebsgesetzes (MsbG) entspricht.

Wichtige Punkte:

  • Die Daten müssen sicher und verschlüsselt übertragen werden.
  • Die Verbrauchsdaten müssen innerhalb von 24 Stunden für den Kunden abrufbar sein (§ 61 Abs. 2 MsbG).
  • Die Preisobergrenzen für den Messstellenbetrieb müssen eingehalten werden (§ 30 MsbG).

Praktische Tipps für Energieversorger

Wie können Energieversorger diese Veränderungen meistern? Hier sind einige praktische Tipps:

1. IT-Systeme anpassen

Die Verarbeitung granularer Verbrauchsdaten erfordert leistungsfähige IT-Systeme. Energieversorger sollten prüfen, ob ihre bestehenden Systeme diese Daten verarbeiten können – oder ob sie aufgerüstet werden müssen.

Empfehlung:

  • Investieren Sie in moderne Meter Data Management Systeme (MDM).
  • Nutzen Sie Cloud-Lösungen, um die Datenverarbeitung zu skalieren.
  • Stellen Sie sicher, dass Ihre Systeme mit den gängigen Marktkommunikationsstandards (z. B. MaBiS, GaBi) kompatibel sind.

2. Prozesse für Bilanzierungsverfahrenswechsel optimieren

Bilanzierungsverfahrenswechsel können zu Zwischenabrechnungen führen – und damit zu zusätzlichem Aufwand. Energieversorger sollten ihre Prozesse so gestalten, dass sie solche Wechsel frühzeitig erkennen und automatisiert verarbeiten können.

Empfehlung:

  • Implementieren Sie automatisierte Meldungen für Bilanzierungsverfahrenswechsel.
  • Schulen Sie Ihre Mitarbeiter im Umgang mit diesen Wechseln.
  • Nutzen Sie Softwarelösungen, die solche Wechsel automatisch verarbeiten.

3. Prognosemodelle anpassen

Granulare Verbrauchsdaten ermöglichen präzisere Prognosen – aber sie erfordern auch neue Prognosemodelle. Energieversorger sollten ihre Modelle anpassen, um die neuen Daten optimal nutzen zu können.

Empfehlung:

  • Nutzen Sie KI und maschinelles Lernen, um Prognosen zu verbessern.
  • Berücksichtigen Sie dynamische Tarife und Lastmanagement in Ihren Modellen.
  • Testen Sie Ihre Modelle regelmäßig und passen Sie sie an neue Gegebenheiten an.

4. Kundenkommunikation verbessern

Die Einführung von Smart Metern und RLM-Zählern verändert auch die Beziehung zum Kunden. Energieversorger sollten ihre Kunden frühzeitig über die neuen Möglichkeiten informieren – und ihnen helfen, ihren Verbrauch besser zu verstehen.

Empfehlung:

  • Bieten Sie Ihren Kunden Tools zur Visualisierung ihres Verbrauchs an.
  • Erklären Sie die Vorteile von Smart Metern und dynamischen Tarifen.
  • Schulen Sie Ihre Kundenberater im Umgang mit den neuen Technologien.

5. Datenschutz und Datensicherheit gewährleisten

Granulare Verbrauchsdaten sind sensible Informationen. Energieversorger müssen sicherstellen, dass diese Daten sicher übertragen und gespeichert werden.

Empfehlung:

  • Implementieren Sie robuste Sicherheitsmaßnahmen (z. B. Verschlüsselung, Firewalls).
  • Schulen Sie Ihre Mitarbeiter im Umgang mit sensiblen Daten.
  • Halten Sie sich an die Vorgaben der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und des MsbG.

Fazit: Chancen nutzen, Herausforderungen meistern

Die Einführung von Smart Metern und RLM-Zählern verändert das Bilanzkreismanagement grundlegend. Sie ermöglicht eine präzisere Abrechnung, neue Tarifmodelle und ein effizienteres Lastmanagement – bringt aber auch neue Herausforderungen mit sich.

Energieversorger, die diese Veränderungen frühzeitig erkennen und ihre Prozesse entsprechend anpassen, können von den neuen Möglichkeiten profitieren. Sie können ihre Bilanzierung verbessern, neue Geschäftsmodelle entwickeln und ihre Kunden besser bedienen.

Doch der Wandel erfordert auch Investitionen – in IT-Systeme, Prozesse und Mitarbeiter. Energieversorger sollten daher jetzt handeln und sich auf die neuen Anforderungen vorbereiten.

Wie bereitet sich Ihr Unternehmen auf die Veränderungen im Bilanzkreismanagement vor? Welche Herausforderungen sehen Sie – und welche Chancen? Tauschen Sie sich mit uns aus und lassen Sie uns gemeinsam Lösungen finden! 💬

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