Der Lieferantenwechsel ist ein zentraler Prozess in der deutschen Energiewirtschaft – sowohl für Strom als auch für Gas. Doch obwohl die grundsätzlichen Abläufe ähnlich sind, gibt es entscheidende Unterschiede zwischen den Geschäftsprozessen zur Kundenbelieferung mit Elektrizität (GPKE) und den Geschäftsprozessen Lieferantenwechsel Gas (GeLi Gas). Diese Unterschiede betreffen Fristen, technische Anforderungen, regulatorische Vorgaben und praktische Umsetzungen.
Für Energieversorger, Netzbetreiber und Marktteilnehmer ist es essenziell, diese Unterschiede zu kennen, um reibungslose Prozesse zu gewährleisten und regulatorische Fallstricke zu vermeiden. In diesem Artikel beleuchten wir die wichtigsten Unterschiede zwischen GPKE und GeLi Gas – praxisnah, aktuell und mit konkreten Handlungsempfehlungen.
1. Grundlagen: Warum gibt es unterschiedliche Prozesse für Strom und Gas?
Auf den ersten Blick scheinen die Prozesse für Strom und Gas ähnlich zu sein: Ein Kunde möchte den Lieferanten wechseln, und die Marktkommunikation zwischen Lieferanten, Netzbetreibern und Messstellenbetreibern muss koordiniert werden. Doch die Unterschiede liegen in den technischen, bilanziellen und regulatorischen Rahmenbedingungen:
- Strom wird in einem hochgradig standardisierten und synchronisierten Netz transportiert, während Gasnetze druckstufenabhängig und regional unterschiedlich aufgebaut sind.
- Die Bilanzierung erfolgt bei Strom in 15-Minuten-Intervallen, bei Gas dagegen in täglichen oder monatlichen Bilanzkreisen.
- Die Marktrollen sind zwar ähnlich (Lieferant, Netzbetreiber, Bilanzkreisverantwortlicher), aber die Verantwortlichkeiten unterscheiden sich in Details.
- Die regulatorischen Vorgaben (z. B. EnWG, StromNZV, GasNZV) sind teilweise unterschiedlich formuliert.
Diese Unterschiede führen dazu, dass die Prozesse GPKE (Strom) und GeLi Gas zwar auf ähnlichen Prinzipien basieren, aber in der Umsetzung unterschiedliche Fristen, Datenformate und Abläufe erfordern.
2. Die wichtigsten Unterschiede im Überblick
2.1 Fristen: Kürzer bei Strom, länger bei Gas
Einer der markantesten Unterschiede zwischen GPKE und GeLi Gas sind die Fristen für die Marktkommunikation:
| Prozessschritt | GPKE (Strom) | GeLi Gas |
|---|---|---|
| Anmeldung durch neuen Lieferanten | Unverzüglich, spätestens bis zum 3. Werktag (WT) nach Eingang | Unverzüglich, spätestens bis zum 5. WT nach Eingang |
| Bestätigung durch Netzbetreiber | Unverzüglich, spätestens bis zum 1. WT nach Anmeldung (bei MaLo-ID) oder 3. WT (ohne MaLo-ID) | Unverzüglich, spätestens bis zum 3. WT nach Anmeldung |
| Kündigung durch alten Lieferanten | Unverzüglich, spätestens bis zum 1. WT (mit MaLo-ID) oder 3. WT (ohne MaLo-ID) | Unverzüglich, spätestens bis zum 3. WT |
| Lieferbeginn | Frühestens 10 WT nach Anmeldung | Frühestens 15 WT nach Anmeldung |
Praxistipp:
- Bei Strom müssen Prozesse schneller ablaufen – insbesondere bei Kündigungen und Bestätigungen.
- Bei Gas gibt es mehr Puffer, aber auch komplexere Bilanzierungsanforderungen.
- Automatisierung ist entscheidend, um Fristen einzuhalten – besonders bei Strom.
2.2 Bilanzierung: 15-Minuten-Intervalle vs. Tages- oder Monatsbilanzierung
Ein weiterer zentraler Unterschied liegt in der Bilanzierung:
-
Strom (GPKE):
- Bilanzierung erfolgt in 15-Minuten-Intervallen.
- Der Bilanzkreisverantwortliche (BKV) muss die Einspeisung und Entnahme minutengenau ausgleichen.
- RLM-Kunden (Registrierende Leistungsmessung) werden in Echtzeit bilanziert, SLP-Kunden (Standardlastprofil) über Profile.
-
Gas (GeLi Gas):
- Bilanzierung erfolgt täglich oder monatlich (je nach Druckstufe und Netzgebiet).
- RLM-Kunden werden tagesgenau bilanziert, SLP-Kunden über synthetische Profile.
- Die Bilanzierungsperiode ist länger, was mehr Spielraum für Korrekturen lässt – aber auch mehr Komplexität bei der Allokation.
Praxistipp:
- Bei Strom müssen Echtzeitdaten besonders sorgfältig geprüft werden, um Bilanzabweichungen zu vermeiden.
- Bei Gas ist die Datenqualität der Allokation entscheidend – besonders bei SLP-Kunden, da hier Profile verwendet werden.
- Automatisierte Plausibilitätsprüfungen helfen, Fehler frühzeitig zu erkennen.
2.3 Technische Anschlussbedingungen (TAB) und Messwesen
Auch bei den technischen Anforderungen gibt es Unterschiede:
| Aspekt | Strom (GPKE) | Gas (GeLi Gas) |
|---|---|---|
| Messstellenbetrieb | Zählerstandsermittlung durch Messstellenbetreiber (MSB) | Zählerstandsermittlung durch Netzbetreiber oder MSB |
| Datenkommunikation | EDIFACT-Nachrichten (UTILMD, MSCONS) | EDIFACT-Nachrichten (UTILMD, MSCONS, INVOIC) |
| Profilanwendung | SLP-Profile für Haushaltskunden | SLP-Profile, aber druckstufenabhängig |
| Stilllegung | Sofortige Abmeldung möglich | Abmeldung muss bilanziell sauber erfolgen |
Praxistipp:
- Bei Gas muss der Druckstufenwechsel (z. B. von Niederdruck zu Mitteldruck) besonders beachtet werden – hier können sich Bilanzierungsregeln ändern.
- Bei Strom ist die Zählerstandsermittlung kritisch, da sie direkt in die Bilanzierung einfließt.
- EDIFACT-Nachrichten müssen korrekt formatiert sein – besonders bei UTILMD (Stammdaten) und MSCONS (Zählerstände).
2.4 Ersatzversorgung: Keine Kündigung bei Gas, aber bei Strom?
Ein oft übersehener, aber wichtiger Unterschied betrifft die Ersatzversorgung:
-
Strom (GPKE):
- Die Ersatzversorgung ist kündbar (§ 38 EnWG).
- Der Lieferant kann eine Kündigung aussprechen, wenn der Kunde keinen neuen Vertrag abschließt.
-
Gas (GeLi Gas):
- Die Ersatzversorgung ist nicht kündbar (§ 38 Abs. 2 EnWG).
- Der Lieferant muss den Kunden weiter beliefern, bis ein neuer Liefervertrag zustande kommt.
- Keine Kündigung erforderlich – der Prozess endet automatisch mit dem Lieferbeginn eines neuen Lieferanten.
Praxistipp:
- Bei Gas muss der Ersatzversorger besonders darauf achten, dass der Lieferbeginn des neuen Lieferanten korrekt kommuniziert wird, um Doppelbelieferungen zu vermeiden.
- Bei Strom sollte der Kündigungsprozess automatisiert werden, um Fristen einzuhalten.
2.5 Stilllegung und Abmeldung: Bilanzierungsende-Datum ist entscheidend
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Stilllegung einer Marktlokation:
-
Strom (GPKE):
- Der Netzbetreiber meldet die Stilllegung unverzüglich an den Lieferanten.
- Das Bilanzierungsende-Datum wird vom Netzbetreiber vorgegeben und darf vom Lieferanten nicht geändert werden.
-
Gas (GeLi Gas):
- Auch hier gilt: Das Bilanzierungsende-Datum wird vom Netzbetreiber festgelegt.
- Besonderheit: Wenn die Antwort des Lieferanten nach dem 15. WT eingeht, bleibt das ursprüngliche Bilanzierungsende-Datum bestehen (siehe Quelle 1, GeLiGas_A006).
Praxistipp:
- Automatisierte Erinnerungen helfen, Fristen für Abmeldungen einzuhalten.
- Dokumentation ist entscheidend – besonders bei Gas, wo das Bilanzierungsende-Datum nicht verschoben werden darf.
3. Praktische Herausforderungen und Best Practices
3.1 Automatisierung ist der Schlüssel
Die Unterschiede zwischen GPKE und GeLi Gas zeigen: Manuelle Prozesse sind fehleranfällig und führen zu Fristüberschreitungen.
Empfehlungen: ✅ Einsatz von Marktkommunikations-Software, die beide Prozesse unterstützt (z. B. mit separaten Workflows für Strom und Gas). ✅ Automatisierte Plausibilitätsprüfungen für EDIFACT-Nachrichten (UTILMD, MSCONS). ✅ Fristenmanagement mit Erinnerungen und Eskalationsmechanismen.
3.2 Datenqualität sichern
Fehler in Stammdaten oder Zählerständen führen zu Bilanzabweichungen, Nachberechnungen und regulatorischen Problemen.
Empfehlungen: ✅ Regelmäßige Datenabgleiche zwischen Lieferant, Netzbetreiber und Messstellenbetreiber. ✅ Validierung von MaLo-IDs und Zählpunkten vor der Anmeldung. ✅ Schulungen für Mitarbeiter, um Fehler in der Marktkommunikation zu vermeiden.
3.3 Regulatorische Änderungen im Blick behalten
Die Energiewirtschaft ist dynamisch – neue Vorgaben der BNetzA oder Anpassungen der GPKE/GeLi Gas können Prozesse verändern.
Empfehlungen: ✅ Abonnieren von Branchen-Newslettern (z. B. BDEW, VKU, EDNA). ✅ Teilnahme an Arbeitskreisen zur Marktkommunikation. ✅ Regelmäßige Updates der Software für Marktprozesse.
4. Fazit: GPKE und GeLi Gas – zwei Welten, ein Ziel
Obwohl GPKE und GeLi Gas auf ähnlichen Prinzipien basieren, gibt es entscheidende Unterschiede in Fristen, Bilanzierung, Messwesen und Ersatzversorgung. Für Energieversorger und Marktteilnehmer ist es essenziell, diese Unterschiede zu kennen, um reibungslose Lieferantenwechsel, korrekte Bilanzierung und regulatorische Compliance sicherzustellen.
Die wichtigsten Takeaways: ✔ Strom (GPKE) ist schneller – Fristen sind kürzer, Bilanzierung erfolgt in Echtzeit. ✔ Gas (GeLi Gas) ist komplexer – längere Fristen, aber mehr Spielraum bei der Bilanzierung. ✔ Automatisierung und Datenqualität sind der Schlüssel zum Erfolg. ✔ Regulatorische Vorgaben müssen stets im Blick behalten werden.
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