Regulierte Finanzplanung: Open-Source-Szenarienrechner für EOG, CAPEX und Cashflow
Regulierte Finanzplanung ist für Verteilnetzbetreiber kein reines Controlling-Thema. Jede Netzmaßnahme muss gleichzeitig technisch, bilanziell, regulatorisch und liquiditätsseitig verstanden werden. Genau an dieser Stelle entstehen in der Praxis die meisten Reibungsverluste: Asset Management plant aus Netzsicht, Controlling bewertet Budget und Cashflow, Regulierung denkt in Erlösobergrenze und Kostenanerkennung, die Geschäftsführung braucht am Ende eine entscheidbare Vorlage.
Der neue Szenarienrechner-EOG setzt genau dort an. Er ist ein offline-first Open-Source-Werkzeug für regulierte Strom- und Gasverteilnetze und hilft, Maßnahmenportfolios strukturiert durchzurechnen, Annahmen zu dokumentieren und EOG-Wirkung von Cashflow-Metriken sauber zu trennen.
Warum ein EOG-Wert allein nicht reicht
In vielen Planungsrunden wird eine Maßnahme zu schnell auf eine Frage reduziert: Was macht sie mit der Erlösobergrenze? Diese Sicht ist wichtig, aber unvollständig.
Eine Investition kann regulatorisch plausibel sein und trotzdem kurzfristig Liquidität binden. Eine Instandhaltungsmaßnahme kann technisch dringend sein, aber bilanziell anders wirken als erwartet. Eine Maßnahme kann im Fotojahr relevant werden, aber erst später im Netzbetrieb Wirkung zeigen. Wer diese Ebenen nicht sauber trennt, produziert Scheingenauigkeit: Zahlen sehen präzise aus, aber die Entscheidungslogik bleibt unklar.
Regulierte Finanzplanung braucht deshalb mindestens fünf Perspektiven:
- Technische Notwendigkeit und Netzbezug
- CAPEX-/OPEX-Einordnung und Aktivierungslogik
- Abschreibung, Nutzungsdauer und Restwert
- Wirkung auf Erlösobergrenze und Netzentgelte
- Cashflow, Timing und Gremienfähigkeit
Der Rechner ersetzt keine regulatorische Einzelfallprüfung. Er schafft aber eine gemeinsame Arbeitsoberfläche, in der diese Perspektiven nicht mehr nebeneinander in getrennten Dateien verschwinden.
Open Source, lokal, ohne Telemetrie
Gerade bei VNB-Planungsdaten ist Zurückhaltung angebracht. Maßnahmenlisten, Kostenannahmen, Zeitpläne und interne Priorisierungen gehören nicht unkontrolliert in externe Systeme. Der Szenarienrechner läuft deshalb lokal im Browser. Es gibt kein Backend, keine automatische Übertragung und keine Telemetrie.
Arbeitsstände können lokal gespeichert oder als JSON-/HTML-Datei exportiert werden. Das macht den Rechner besonders geeignet für Workshops, interne Vorprüfungen und die Vorbereitung von Gremienunterlagen.
Die Quellen sind offen einsehbar:
- Live-App: Szenarienrechner-EOG
- Repository auf GitHub
- User-Story zur Planungsrunde
- Methodik und Vorlagen
Von der Maßnahme zur entscheidbaren Vorlage
Der praktische Mehrwert liegt nicht darin, eine einzelne Kennzahl auszuspucken. Wertvoll ist die Strukturierung der Diskussion.
Eine typische Netzmaßnahme beginnt mit einer technischen Begründung: Ersatz, Verstärkung, Digitalisierung, Redispatch-Fähigkeit, §14a-Readiness oder Prozessstabilität. Danach stellen sich kaufmännische Fragen: Welche Kostenart liegt vor? Welche Aktivierung ist plausibel? Welche Nutzungsdauer wird angenommen? Welche Unsicherheiten bleiben offen?
Erst im nächsten Schritt wird daraus eine regulatorische Sicht: Welche Wirkung ist auf die Erlösobergrenze zu erwarten? Welche Annahmen müssen dokumentiert werden? Welche Klärpunkte gehören in die nächste Runde mit Regulierung, Controlling oder externer Beratung?
Der Rechner hilft, diese Kette explizit zu machen. Das ist wichtiger als die scheinbare Exaktheit einer Einzelzahl, weil viele VNB-Entscheidungen heute nicht an fehlender Mathematik scheitern, sondern an fehlender Übersetzbarkeit zwischen Fachbereichen.
Warum das für kleine und mittlere Stadtwerke wichtig ist
Große Netzbetreiber haben oft spezialisierte Teams für Regulierung, Asset Management, Controlling und Datenmanagement. Kleine und mittlere Stadtwerke müssen dieselben regulatorischen Anforderungen mit deutlich weniger Rollen und Werkzeugen abdecken.
Genau dort entsteht der größte Nutzen eines offenen Rechners:
- Er macht Annahmen explizit.
- Er trennt EOG-Wirkung und Cashflow.
- Er dokumentiert Unsicherheiten statt sie zu verstecken.
- Er erzeugt eine gemeinsame Sprache für Technik, Finanzen und Regulierung.
- Er ist ohne Projektstart, Lizenzprozess oder Datentransfer sofort nutzbar.
Das senkt die Schwelle, regulierte Finanzplanung früher und strukturierter in Netzentscheidungen einzubauen.
Brücke zu automatisierter Datenqualität
Ein Offline-Rechner ist ein guter Startpunkt, aber langfristig liegt der Engpass nicht im Formular. Der Engpass liegt in den Daten: Anlagenstammdaten, MaLo-/MeLo-Bezüge, Aktivierungslogik, Kostenstellen, Projektfortschritt, regulatorische Annahmen und historische Entscheidungen müssen konsistent zusammenpassen.
Deshalb ist der Open-Source-Rechner auch ein guter Diagnoseschritt. Wenn ein Stadtwerk die Struktur des Rechners nachvollziehbar findet, wird schnell sichtbar, welche Daten heute noch manuell zusammengesucht werden müssen. Genau dort beginnt der Übergang zu automatisierten Datenqualitäts- und Entscheidungsprozessen.
Eine vertiefende Einordnung zur Methodik steht im Cernion-Report Regulierte Finanzplanung ist mehr als Erlösobergrenze.
Fazit
Regulierte Finanzplanung braucht keine weitere isolierte Excel-Variante. Sie braucht eine nachvollziehbare Verbindung zwischen Netzmaßnahme, Bilanzierung, Erlösobergrenze, Cashflow und Entscheidungsvorlage.
Der Szenarienrechner-EOG liefert dafür einen pragmatischen Open-Source-Einstieg: lokal, transparent, erweiterbar und nah an der Planungsrealität von Verteilnetzbetreibern.