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Zählertausch in der Praxis: Wie Marktpartner mit EDIFACT kommunizieren

Ein neuer Zähler an der Wand – für Sie als Kunde ist das oft nur ein kurzer Besuch des Monteurs. Doch im Hintergrund läuft ein hochstandardisierter Prozess ab, der die deutsche Energiewirtschaft seit Jahrzehnten prägt. EDIFACT-Nachrichten wie UTILMD und MSCONS sorgen dafür, dass Messstellenbetreiber (MSB), Netzbetreiber (NB) und Lieferant (LF) nahtlos über den Zählertausch informiert werden.

In diesem Artikel erklären wir:

  • Warum ein Zählertausch bei PV-Anlagen oder Wallboxen nötig wird
  • Welche Marktpartner beteiligt sind und wie sie kommunizieren
  • Wie UTILMD- und MSCONS-Nachrichten den Prozess steuern
  • Welche Besonderheiten bei Zweirichtungszählern oder Smart Metern gelten

💡 Warum das wichtig ist: Fehler in der Marktkommunikation können zu falschen Abrechnungen oder Netzplanungsproblemen führen. Mit Enerchy durchblicken Sie die Prozesse – von der Stammdatenänderung bis zur Zählerstandsübermittlung.


Warum wird der Zähler getauscht? Die technischen Gründe

Ein klassischer Ferraris-Zähler oder digitaler Zähler erfasst nur den Stromverbrauch in eine Richtung. Doch sobald Sie:

Eine PV-Anlage installieren → Sie speisen Strom ins Netz ein ✅ Eine Wallbox für Ihr E-Auto nutzen → Ihr Verbrauch steigt deutlich

... wird ein neuer Zähler nötig. Die Lösungen:

AnwendungZählertypFunktion
PV-AnlageZweirichtungszählerErfasst Bezug und Einspeisung
Wallbox/E-AutoIntelligentes Messsystem (iMS)Viertelstündliche Erfassung, fernauslesbar
Hoher VerbrauchRLM-Zähler (registrierende LM)Detaillierte Lastgangmessung für gewerbliche Kunden

📊 Beispiel: Bei einer PV-Anlage mit 10 kWp Leistung kann die Einspeisung bis zu 8.000 kWh pro Jahr betragen. Ein herkömmlicher Zähler würde diese Werte nicht korrekt erfassen – ein Zweirichtungszähler ist Pflicht.


Die Hauptakteure: Wer kommuniziert mit wem?

An einem Zählertausch sind drei zentrale Marktpartner beteiligt:

  1. Messstellenbetreiber (MSB)

    • Verantwortlich für Einbau, Betrieb und Ablesung des Zählers
    • Initiiert den Zählertausch und sendet die EDIFACT-Nachrichten
  2. Netzbetreiber (NB)

    • Betreibt das lokale Stromnetz
    • Benötigt die Messdaten für Netzabrechnung und -planung
  3. Lieferant (LF)

    • Ihr Stromversorger
    • Rechnet den Energiebezug und ggf. die Einspeisung ab

🔄 Kommunikationsfluss: Der MSB sendet UTILMD- und MSCONS-Nachrichten sowohl an den Netzbetreiber als auch an den Lieferanten. Beide müssen ihre Systeme aktualisieren, um die neuen Zählerdaten korrekt zu verarbeiten.


Der technische Ablauf: EDIFACT-Nachrichten im Detail

Die Kommunikation zwischen den Marktpartnern erfolgt über standardisierte EDIFACT-Nachrichten nach den Vorgaben des BDEW. Der Prozess ist im Regelwerk „Wechselprozesse im Messwesen“ (WiM) detailliert beschrieben.

Phase 1: Vorbereitung und Planung

Bevor der Zähler getauscht wird, gibt es erste Kommunikationsschritte:

  • Der MSB plant den Tausch und koordiniert sich intern
  • Bei PV-Anlagen oder Wallboxen wurde bereits ein Antrag gestellt (oft durch den Installateur)
  • Der Netzbetreiber wird über den geplanten Wechsel informiert

📅 Zeitplan: Der Tausch wird meist 2–4 Wochen im Voraus geplant.

Phase 2: Der eigentliche Zählertausch

Am Tag des Zählerwechsels passiert Folgendes:

  1. Letzte Ablesung des alten Zählers

    • Der Monteur notiert den finalen Zählerstand (z. B. 12.345 kWh)
  2. Einbau des neuen Zählers

    • Der Anfangszählerstand wird erfasst (meist 0 kWh)
  3. Dokumentation

    • Technische Daten des neuen Zählers (Zählernummer, Messart, etc.) werden erfasst

Praxisbeispiel: Bei einem Zweirichtungszähler werden zwei Zählerstände notiert – einer für den Bezug (z. B. 12.345 kWh) und einer für die Einspeisung (z. B. 0 kWh).

Phase 3: Die Stammdatenänderung – UTILMD im Fokus

Hier wird es technisch: Der MSB versendet eine UTILMD-Nachricht mit dem Nachrichtentyp BGM+E03 (Stammdatenänderung) und dem Status STS+7++ZX7 (Änderung der Daten der Marktlokation).

📌 Was enthält die UTILMD-Nachricht?

BGM+E03+1234567890+9'
STS+7++ZX7'
DTM+137:20231015:102'
NAD+MS+DE1234567890123::9'
CUX+2:EUR:4'
LIN+1++1:SRV'
PIA+1+DE0000000000000000000000000000000000000000000000000:Z01'
IMD+F++:::Zweirichtungszähler'
MEA+AAE++KWH:100000'

🔍 Interpretation der Felder:

  • BGM+E03: Stammdatenänderung
  • STS+7++ZX7: Technische Änderung an der Marktlokation
  • DTM+137: Zeitpunkt des Gerätewechsels (hier: 15.10.2023)
  • LIN+1++1:SRV: Neue Messart (z. B. registrierende Leistungsmessung)

💡 Mit Enerchy verstehen: Die UTILMD-Nachricht ist das Herzstück der Kommunikation. Sie informiert Netzbetreiber und Lieferant offiziell über den Zählertausch und ermöglicht die Aktualisierung der Systeme.

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Phase 4: Übermittlung der Zählerstände – MSCONS im Einsatz

Parallel oder kurz nach der UTILMD folgt eine MSCONS-Nachricht (Metered Services Consumption Report). Diese enthält:

  • Letzten Zählerstand des alten Geräts (z. B. 12.345 kWh)
  • Anfangszählerstand des neuen Geräts (z. B. 0 kWh)

📌 Beispiel einer MSCONS-Nachricht:

BGM+7+1234567890+9'
DTM+137:20231015:102'
NAD+MS+DE1234567890123::9'
NAD+MR+DE987654321098::9'
LIN+1++1:SRV'
QTY+220:12345:KWH'
QTY+220:0:KWH'

🔍 Interpretation:

  • QTY+220:12345:KWH: Letzter Stand des alten Zählers
  • QTY+220:0:KWH: Anfangsstand des neuen Zählers

📊 Warum das wichtig ist: Der Lieferant muss wissen, bis zu welchem Zählerstand nach dem alten Tarif abgerechnet wird und ab wann die neue Konfiguration gilt.


Die Zuordnung zu Ereignissen: Wie erkennen NB und LF den Zählertausch?

Netzbetreiber und Lieferant erhalten täglich Hunderte von Nachrichten. Wie erkennen sie, dass eine MSCONS-Nachricht zu einem Zählertausch gehört?

Die Antwort liegt in der Kombination von Nachrichten:

  1. UTILMD BGM+E03 mit STS+7++ZX7

    • Signalisiert: „Achtung, hier gab es eine technische Änderung an der Marktlokation!“
  2. MSCONS mit Zeitstempel

    • Liefert die zugehörigen Zählerstände
  3. Abgleich von Marktlokations-ID und Zeitpunkt

    • Moderne IT-Systeme ordnen die Werte automatisch dem Ereignis „Gerätewechsel“ zu

🔧 Automatisierte Verarbeitung: Die Anwendungshandbücher (AHB) des BDEW definieren genau, wie die Nachrichten aufgebaut sein müssen und welche Geschäftsregeln gelten.

Beispiel: Ein Netzbetreiber erhält eine UTILMD mit STS+7++ZX7 und eine MSCONS mit demselben Zeitstempel. Sein System erkennt automatisch:

  • „Hier wurde ein Zähler getauscht.“
  • „Die Zählerstände müssen entsprechend zugeordnet werden.“

Besonderheiten bei PV-Anlagen und Zweirichtungszählern

Bei einer PV-Anlage ändert sich nicht nur der Zähler, sondern auch die Struktur der Marktlokation:

  • Zwei Marktlokationen an einer Messlokation

    • Eine für den Bezug (z. B. Strom aus dem Netz)
    • Eine für die Einspeisung (z. B. Strom aus der PV-Anlage)
  • Getrennter Lieferant für Einspeisung

    • Für die Einspeisung haben Sie oft einen anderen Vertragspartner (z. B. den Netzbetreiber, der die Einspeisevergütung zahlt)

📌 Kommunikation im Detail:

  1. UTILMD-Nachricht für die Bezugs-Marktlokation

    • Enthält die Daten des Zweirichtungszählers für den Bezug
  2. UTILMD-Nachricht für die Einspeise-Marktlokation

    • Enthält die Daten des Zweirichtungszählers für die Einspeisung
  3. Zwei MSCONS-Nachrichten

    • Eine für den Bezug (z. B. 12.345 kWh)
    • Eine für die Einspeisung (z. B. 0 kWh)

💡 Mit Enerchy durchblicken: Die Kommunikation bei PV-Anlagen ist komplexer, aber mit den richtigen Tools lassen sich die Prozesse automatisiert und fehlerfrei abwickeln.


Zeitliche Abläufe und Fristen: Was Sie wissen müssen

Die Kommunikation folgt definierten Fristen, die im WiM-Regelwerk festgelegt sind:

SchrittFristVerantwortlich
Versand der UTILMD (Stammdatenänderung)Unverzüglich nach ZählertauschMSB
Übermittlung der MSCONS (Zählerstände)Spätestens innerhalb der WiM-FristenMSB
Verarbeitung durch NB/LFInnerhalb von 2–5 WerktagenNB/LF

⚠️ Was passiert bei Nichteinhaltung?

  • Der MSB erhält keine CONTRL-Nachricht (Bestätigung) und muss die Nachricht erneut senden
  • Bei widersprüchlichen Daten sendet der Empfänger eine APERAK-Nachricht mit einem Fehlercode zurück

📅 Beispiel: Wenn der MSB die MSCONS nicht rechtzeitig sendet, kann der Lieferant die Abrechnung nicht korrekt durchführen – es kommt zu Nachforderungen oder Gutschriften.


Was passiert, wenn etwas schiefgeht? Fehler in der Marktkommunikation

Trotz Standardisierung kann es zu Fehlern kommen. Typische Probleme:

FehlerUrsacheLösung
Nachricht kommt nicht anTechnische StörungMSB sendet die Nachricht erneut nach fehlender CONTRL-Bestätigung
Falsche ZählerständeManuelle Erfassung fehlerhaftKorrektur über MSCONS mit Status „K“ (Korrektur)
Widersprüchliche DatenUTILMD und MSCONS passen nicht zusammenAPERAK-Nachricht mit Fehlercode (z. B. „E04“ für widersprüchliche Werte)

🔧 APERAK-Fehlercodes im Detail:

FehlercodeBedeutungLösungsansatz
E01Syntaxfehler in der NachrichtNachricht korrigieren und erneut senden
E04Widersprüchliche ZählerständeZählerstände manuell prüfen und korrigieren
E10Unbekannte Marktlokations-IDMarktlokations-ID prüfen und aktualisieren

💡 Mit Enerchy Fehler vermeiden: Moderne Tools erkennen APERAK-Fehler automatisch und leiten die Korrektur ein.


Sonderfall: MSB-Wechsel als Auslöser für Zählertausch

Seit der Liberalisierung des Messwesens können Sie den Messstellenbetreiber frei wählen. Ein Wechsel des MSB führt oft zu einem Gerätewechsel, da der neue MSB eigene Zähler mitbringt.

🔄 Ablauf bei MSB-Wechsel:

  1. Sie kündigen Ihren alten MSB und beauftragen einen neuen
  2. Der neue MSB plant den Zählertausch
  3. Der Prozess läuft wie oben beschrieben ab (UTILMD + MSCONS)

Besonderheit: Der alte MSB muss die finalen Zählerstände an den neuen MSB übermitteln, damit dieser die MSCONS korrekt erstellen kann.


Moderne Entwicklungen: Smart Meter und Fernauslesung

Mit dem Rollout intelligenter Messsysteme (iMS) wird die Kommunikation noch komplexer – aber auch leistungsfähiger:

📡 Automatische Ablesung: Das Smart Meter Gateway sendet die Zählerstände automatisch und fernauslesbar an den MSB.

⏱️ Viertelstundenwerte: Bei Kunden mit hohem Verbrauch (>10.000 kWh/a) oder auf Wunsch werden detaillierte Lastgänge übermittelt.

🔄 Echtzeit-Prozesse: Die Übertragung erfolgt nahezu in Echtzeit, was neue Geschäftsmodelle ermöglicht (z. B. dynamische Tarife).

💡 Mit Enerchy die Zukunft gestalten: Intelligente Messsysteme erfordern neue Prozesse und Tools. Mit den richtigen Lösungen lassen sich die Vorteile der Digitalisierung voll ausschöpfen.


Fazit: Ein hochstandardisierter Prozess mit großer Bedeutung

Der Zählertausch ist aus Kundensicht ein simpler Vorgang – doch im Hintergrund läuft ein hochkomplexer Kommunikationsprozess ab. Die EDIFACT-Nachrichten UTILMD und MSCONS sind dabei die zentralen Werkzeuge, mit denen MSB, Netzbetreiber und Lieferant koordiniert werden.

🔑 Die wichtigsten Takeaways:

  • Ein Zählertausch bei PV-Anlagen oder Wallboxen erfordert Zweirichtungszähler oder Smart Meter
  • Die Kommunikation erfolgt über UTILMD (Stammdaten) und MSCONS (Zählerstände)
  • Fehler in der Marktkommunikation können zu falschen Abrechnungen oder Netzplanungsproblemen führen
  • Moderne Tools wie Enerchy helfen, die Prozesse automatisiert und fehlerfrei abzuwickeln

💡 Mit Enerchy durchblicken: Egal ob UTILMD, MSCONS oder APERAK – mit den richtigen Tools meistern Sie die Marktkommunikation in der Energiewirtschaft.

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